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Badische Zeitung vom Mittwoch, 5. Oktober 2005

Auf einem Auge blind in die Pleite Abo
Experten: Viele Mittelständler beachten Warnsignale in der eigenen Firma gar nicht oder zu spät

Ronny Gert Bürckholdt

FREIBURG. 19000 deutsche Unternehmen gingen im ersten Halbjahr pleite. Nicht alle sind Opfer der schleppenden Konjunktur oder von aggressiven Wettbewerbern. Oft kommen hausgemachte Probleme hinzu. So sind die Hälfte aller Mittelständler in Baden-Württemberg nicht in der Lage, Fehlentwicklungen im Unternehmen frühzeitig und systematisch zu erkennen. Das zeigt eine Studie des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater, die gestern Experten in Freiburg diskutierten.
Es gibt Finanzanalysten, die an der Dicke der Aktentasche von US-Notenbank-Chef Alan Greenspan erkennen wollen, ob dieser die Zinsen erhöht. "Wenn sich alle Anleger an der Börse danach richten, ist dies ein ernst zu nehmender Frühwarn-Indikator", sagte Deka-Investment-Geschäftsführer Thomas Neiße gestern scherzhaft vor 200 Finanzexperten.
Die waren sich jedoch einig, dass es in Sachen - seriöser - Krisenerkennung im Mittelstand wenig zu Scherzen gibt. Nur 57 Prozent der Chefetagen im Land unterziehen laut Studie ihre Firmen regelmäßig einer Selbstbewertung per Frühwarn-Indikatoren. Solche Feuermelder sind unter anderem: der Auftragseingang, die Kompetenz und Zufriedenheit der Mitarbeiter, die Wünsche der Kunden, das Zahlungsverhalten der Abnehmer und die Zuverlässigkeit von Zulieferern. Die gravierendsten Mängel lägen bei der Computersicherheit: "Viele Chefs interessieren sich nicht einmal für die gesetzlichen Vorschriften", sagte Günter Monjau von der Risk Management Consulting, geschweige denn für den Schutz vor Viren und elektronischen Industriespionen.
Würde ein Unternehmen diese Indikatoren regelmäßig messen, hieß es auf der Tagung, bliebe ihm genug Zeit, Schwachstellen zu beheben und diese rechtzeitig vor der drohenden Pleite zu beheben.
Fast zu spät wäre es für Werner Ueberrhein gewesen. Der Geschäftsführer litt mit seinem Freiburger Unternehmen Sauter-Cumulus in den 90er-Jahren an dem Konjunktureinbruch der Baubranche. "Ich stellte mir nicht mehr die Frage, ob, sondern wie viele Mitarbeiter ich entlassen muss", sagte er. Sauter mit heute 521 Mitarbeitern holte Unternehmensberater ins Haus, die anhand von Frühwarn-Indikatoren der Kundenwünsche eine Neuausrichtung empfahlen. Heute verdient Sauter wieder Geld. Weil Neubauten weiter stagnieren, setzt man auf Modernisierungen alter Anlagen. Zudem betreut man Bürogebäude: vom Hausmeister bis zur ferngesteuerten Klimaanlage alles in einer Hand. "Ohne die Früh-Indikatoren hätten wir unsere eigenen Stärken nie erkannt", sagt Ueberrhein.

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